BEISPIELE: Malerei, Zeichnung, Druckgrafik

 

Woraus die Räume sind

von Dr. Regina Doppelbauer

 

Beni Altmüllers Thema sind seit jeher Räume, in der ganzen Vielfalt ihrer möglichen Ausformungen. In jungen Jahren erfand und bespielte er soziale und architektonische Gefüge. In der Malerei erschließt er seit Jahren konsequent Bildräume, deren vordergründige Dynamik es zu hinterfragen gilt: Hinter ihr kommen Utopie und Dystopie, Metapher und Ambivalenz zum Vorschein. Zur Lust am Schauen gesellt sich ein Denken in Fragezeichen – am Horizont der tiefen Bildgründe lauert der Hintersinn, nicht immer klar fassbar, doch stets spür- und jedenfalls vermutbar. 

 

Altmüllers große Formate sind auf ersten Blick einverleibend und angriffig. Sie stellen sich unvermittelt in den Weg und sprechen die Sinne lautstark an: Mit Sogkraft ziehen Schleifen ins Bild hinein, Flächen wälzen sich konvulsivisch dem Betrachter entgegen. Die Besitznahme des Raumes – über die physischen Grenzen des Bildes hinweg - wird geradezu körperlich spürbar. Wer Beni Altmüllers frühere Bilder kennt, dem sind vielleicht die Trichter erinnerbar, die dort die Figuren seiner Leinwände unerbittlich in die Tiefen des Alls abgesaugt oder in dessen Weiten hinaus katapultiert haben. Dem gegenüber scheint nun mit den Serien der letzten Monate geradezu fester Boden unter den Füßen gewonnen zu sein

weiter >>>

Der Maler hat die Perspektive gewechselt und sich auf Augenhöhe seiner Protagonisten begeben. Die Tochter des Künstlers und deren Freundinnen,  Motive aus Venedig und vom Strand; Kühe, Zebras, Flamingos, vielleicht auch diese im Urlaub fotografiert oder aus den Medien aufgelesen: Harmloser, alltäglicher könnten die Motive kaum sein. Und doch liegt gerade in ihrer Vertrautheit das Gift. Es sind unsere Selbstverständlichkeiten, ja Banalitäten, die sich auf  bewegten Boden versetzt wieder finden. „Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße“ – der autosuggestiven Kraft dieses Satzes wird viel abverlangt, soll sie sich weiterhin bewähren: Flächen wölben sich unkontrollierbar auf, weite Horizonte lassen fiktive Welten erahnen, denen man sich nicht ungeprüft anvertraut.  Beni Altmüller erzählt vom möglichen Kontrollverlust: Der Gehende befindet sich auf schwankendem Grund.

Nun muss dem nicht notgedrungen Konsumkritik oder gar Lebensgefahr innewohnen. „No risk no fun“ vermeint man leise und subkutan herauszuhören, wenn man sich den Titeln überlässt.  „Gondelei im Wunschgebiet“ oder „Transport im Sehnsuchtsort“ oder „Wer die Sehnsucht hat, hat alles“ – ohne den Kitzel der Gefahr sind Träume nicht zu realisieren. Da heißt es, sich den Unwägbarkeiten des Elements Wasser zu überlassen, um nach geglücktem Abenteuer auf einer höheren Stufe an Bewusstheit anlegen zu können. 

 

Der Maler lässt sich bei seinem Tun von sich selbst überraschen. Die Bestandteile seiner Bilder sind ihm als Spielmaterial vertraut, er hat sie vor Augen und/oder im Kopf:  Altmüller verwendet Fotos, Stoffmuster – und jene gern penetrierende  Schleife, die in seine Kunst vor mehreren Jahren als Schleife des Lebens, als ein Schnipsel aus der DNA des Menschen eingegangen ist. Wie diese Elemente zueinander finden, ist dem Prozess des Malens überlassen. Unter der inneren Vorstellung einer im Moment einmaligen, subjektiven Perspektive verschmelzen sie zu neuen Varianten. Die so gefügten Bilder sind – ja, auch - chice, witzige, surreale, Kitsch integrierende und an das Selbstbewusstsein der Pop-Art erinnernde Pasticci, denen der Künstler Schichten von Sinn und Bedeutung einwebt, die so leicht nicht herausgekitzelt sind. Rätsel dieser Art sind ein Geschenk, locken sie doch dazu, das Eigene und das Fremde wie zwei Zahnrädern aufeinander abzustimmen und letztlich ineinander greifen zu lassen. 

 

Nun gilt es für den Betrachter, ein weiteres dominantes Element mit einzubeziehen und schließlich zu überlisten: die Farbe. Dieser essentielle Bildbestandteil übernimmt so selbstverständlich wie nonchalant die Führung des Auges, und es ist eine schiere sinnliche Freude, sich den Üppigkeiten in Rot und Braun auszusetzen und ihrem pulsierenden Saft zu überlassen. Auf der anderen Seite der Farbpalette bieten Blau- und Grüntöne synästhetisches Empfinden an - der Kühle des Wassers und der leichten Brise nachzuspüren. 

Lust und Sinne: Alles, was als Farbe und Form und als atemloses Bewegtsein im Bild genossen werden kann, trägt einen leisen Widerspruch in sich. Es muss nicht gleich eine Gefährdung sein, die da aufdräut - Altmüller hat zwar Prinzipien, ist aber kein Moralist. Es reicht schon, da und dort eine Ambivalenz anzubringen, eine kleine Unklarheit, ein Augenzwinkern, einen lakonischen Moment einzuführen, und schon ist die Pracht in die Ebene des Denkens und der Reflexion überführt. 

 

„Zwischen den Tönen spielt die Symphonie“ heißt eines der Bilder. Altmüllers erzählt aus seiner Perspektive vom Zwischenland, von den Zonen im Leben, die sich zwischen objektiven  Tatsachen und normativen Forderungen weiten. Er begibt sich – seinem farbigen Pinsel zum Trotz – also in die Grauzonen des Lebens, die das meiste unserer Zeit ausmachen. Er tut dies als ein Künstler, der seine malerischen Mittel liebt, ihnen traut und vertraut und sie für sich sprechen lässt. Doch jeder Mensch hat anderen Boden unter den Füßen, bewertet die Welt aus anderem Winkel, empfindet anders, sieht anders. Beni Altmüller ist einer, der die Subjektivität des Betrachters nicht nur anerkennt, sondern einfordert. Wir sind frei, seinen Bildwelten von unserem Ort aus zu begegnen.